Es gibt kein Wochenende im Jahr, dem die Verfasserin dieser Zeilen monatelang mehr entgegen fiebert, als dem August-Wochenende an dem jedes Jahr das Haldern Pop Festival stattfinden soll.

Während in der lärmenden Großstadt beim Dockville um die 20 000 Musikfans inmitten von Industriecharme feiern, wird schon auf dem Weg zum Haldern entschleunigt. Beinahe, denn früh genug da sein, um einen schönen Platz für Auto und Zelt zu bekommen, ist seit knapp zwei Jahren schon am Donnerstag oberstes Gebot. Denn der einst inoffizielle erste Festivaltag hat sich als vollwertiges Mitglied dieser kleinen Auszeit entpuppt, tummelten sich doch dies Jahr bereits am Donnerstag Bands wie Ewert & The Two Dragons, The War On Drugs und der alte Haldern-Hase Loney Dear in Kirche, Popbar, Spiegelzelt und (neu!) Donnerstags-Biergartenstage (eigens für den Donnerstag aufgebaut). Unentspannt wurde es dennoch nicht, denn hier am Niederrhein lässt man sich nicht so schnell stressen. So ist der Weg ins Dorf Teil der eigenen jahrelang gepflegten Haldern-Tradition. Überall stehen, laufen, fahren und sitzen schöne Menschen, denen ein bisschen die Vorfreude ins Gesicht geschrieben ist. Und wenn es auch noch sommerlich lau ist, ist neben dieser Vorfreude auch ein leichtes Puh-kein-Regen-Lächeln auf den Lippen. So drängen sich dann alle zur Eröffnung in die Dorfkirche (Der Pfarrer begrüßte einen vorher selig strahlend auf dem Bürgersteig gegenüber), lauschen den Klängen von Daan, können ihre müden Augen (der Zeltaufbau und das erste Kaltgetränk) kaum offen halten. Die passendere und schönere Musik bietet dafür Chris Garneau, der kleine Mann, sichtlich beeindruckt an seinem großen Flügel sitzend und immer wieder mit seinem schüchternen Blick drüberschauend, wie er herzzerreißende Songs klar durch die Kirche schallen lässt.

Später, nach Kaffee und Gebäck vom netten Eckbäcker, teilt man sich die Pop Bar mit hunderten anderen, die Ewert & The Two Dragons auch sehen wollen. Es wird gelacht, getanzt, geschwitzt und sich gefreut, über diese hinreißenden Jungs, die mit ihrem Folk das Rad zwar nicht neu erfinden, aber dennoch herrlich unverkrampft klingen. Der Rest des Abends ist Beiwerk, denn die Batterien entladen. So tragen einen The War On Drugs mit ihrem dunklen Psychedelic-Wave bereits in die Bereiche des Bewusstseins, die aus den Erlebnissen des Tages Träume machen. Warm, weich liegt man dann im Zelt und ärgert sich einen kurzen Augenblick beim entfernten Höreindruck von Charles Bradley, bevor einen die erholsame (jawohl, trotz Zelt) Nacht davonträgt.

Auch die Zeit vor den Konzerten werden auf dem Haldern zelebriert; die einen nehmen ihr morgendliches Bad im kleinen Badesee, der in diesem Jahr bisweilen ziemlich überfüllt war. Die anderen lassen sich das Frühstück bei Rührei, Kaffee, Handy aufladen und Sonnenbrille (!) stundenlang gefallen. Man hat ja sonst nix zu tun. Fernab der Facebook-. Twitter-, realen Welt. Auch mal schön! Und da die Sonne knallt und sie einen so schön träge macht, verpasst man beim lauschig im Schatten sitzen und bei kaltem Alster beinahe Wye Oak, die damit die Hauptbühne eröffneten. Das ist immer ein ganz besonderer Moment, in dem man sich auf die kommenden zwei Tage freut und sich gar nicht sattsehen kann an diesem Ort. Satt werden kann man allerdings gut von den vielen und dies Jahr sehr unterschiedlichen neuen Essensangeboten, da ist für jeden was bei und die mitgebrachten Dosennudeln werden zum überflüssigen Ballast.

Das erste Mal Spiegelzelt zu Steve Smyth, der mit seiner lässigentspannten Surferart in puncto Lässigkeit ansteckend ist. Sehr schöne Sounds vom Barfußmann und rauschebärtigen Australier. White Rabbits und Dan Mangan langweilen dagegen leider etwas. Grad letzterer kann einfach nicht seinen Auftritt vom OBS 2011 toppen. Blöde, diese Vergleiche immer!  Dafür herrscht bei Niels Frevert wieder seelige Aufmerksamkeit, als er Songs wie „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“, „Niendorfer Gehege“ oder „Frustrationstoleranz, Herr Frevert“ ins Mikrofon haucht. Textsicherheit in der ersten Reihe, bestimmt nicht nur da. Die leuchtenden Augen der Mädchen in der ersten Reihe bei Ben Howard leider nur auf den Fotos der Fotograbenmenschen gesehen, dafür aber seinen tollen Klängen aus einiger Entfernung gelauscht, noch einen satt machenden frisch gepressten Fruchtbrei gegen den sonnengezehrten Körper gejagt, sich bei Two Door Cinema Club beim gelangweilt nach links und rechts Schunkeln die Beine vertreten. Als Betthupferl dann Oberhofer, dessen Frontmann einen Hupferl vom Publikum über die Brüstung auf die Bühne machte und einem einen Riesenschrecken einjagte. Energiegeladen, knarzig, kantig und gut! Sterne gezählt, Sternschnüppchen einen Wunsch abgeluchst und wieder selig geschlafen.

Menschen a la coleur auf dem morgendlichen Campingplatz beobachtet, fotografiert, wieder Kaffee, Kaltgetränke am frühen Mittag, Gespräche über Ryan Adams und Guillemots, auf die man sich schon sehr freut, und zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß, wie toll das Studiokonzert sein wird. Vorher diese Band im Spiegelzelt, jedoch nicht zu vergleichen mit Späterem. Herrn Honig entdeckt, sich mit ihm gefreut, dass sein Haldern-Traum wahr wird. Danach schnellen Schrittes über den mittlerweile etwas staubigen Campingplatz zum Tonstudio, wo Fyfe Dangerfield und seine Guillemots das versprochene Acoustic-Set spielen sollen. Entspannt am Lieblingsfrühstückswagen ein Kaltgetränk, das in bester Gesellschaft das Warten verkürzt. Drinnen wird Platz genommen auf dem Teppich vor der Band. Ein Taumel zwischen Augen zu und träumen, die Zeilen bei „I don’t feel amazing now“ mit den Lippen formen und vergnügt die hübsche Bassfrau beobachten, die scheinbar viel Spaß mit ihrem Musikinstrument hat. Intime Momente, ein Rascheln hier, ein Seufzen dort, wunderbare Augenblicke.

Dieses Erlebnis hätte vielleicht Damien Jurado wettmachen können, wenn man ihn nicht verpasst hätte. Nur noch auf der Leinwand im Biergarten erklangen die letzten Töne. Dafür machte sich aber ein weiteres Highlight auf einer kleinen Holzbühne auf dem Reitplatz bereit: Skinny Lister aus England gaben alles, nahmen das Publikum mit, surften auf ihren Köpfen und saßen auf ihren Schultern. Und das Publikum hing an ihren Lippen, wenn sie ihre Irish Pub-Songs auspackten und den Schnaps rumreichten. Was ein Spaß! Überall glücklich sonnengefärbte Gesichter. Patrick Watson dagegen holte einen wieder auf den Boden. Perfekt für den Augenblick am abend. Wirklich beeindruckend und die Entdeckung des Festivals waren dann die Dänen Alcoholic Faith Mission, die mit ihren wunderschönen Indiefolksongs inklusive ganz schön schlüpfriger Texte das sensible Herzchen zum Schmelzen brachten. Auch weil einem bewusst wurde, dass sich die Lieblingszeit im Jahr sehr bald dem jähen Ende zuwendet.

Da konnten auch Wilco über den Abschiedsschmerz nicht hinweghelfen, im Gegenteil sogar, irgendwie vermiesten sie den Abschied mit einem eher belanglosen Auftritt. Schade eigentlich, aber auch hier ist der vergleicheziehende Mensch wohl selbst Schuld. Die letzte Nacht mit einem tiefen Seufzer eingeläutet und mit einem schweren aber leichten Herz aufgewacht. Schön, (fast) alle lieben Haldernmenschen noch mal zu sehen, sich zu verabschieden, sich „Bis nächstes Jahr“ sagen hören. Und es auch fühlen. Wiederkommen ist die Devise und die Haldern-Macher machen es einem (meist) leicht, mit einem ungewöhnlich (vorerst) unprätentiösen Line-Up, das sich im Entdefekt aber immer als Diamant entpuppt, aus dem man jedes Jahr neue Eindrücke mitnimmt, sich verliebt in tolle Töne, Augenblicke, Momente. Verweilen wir noch etwas in diesem Gefühl, nutzen wir es für den Alltag und fangen an, uns auf das 30. Haldern 2013 zu freuen. Es wird schön, bestimmt! Sincerly yours (ms)

Weitere Fotos gibt es hier!

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