Stimmt es, dass der energisch ausradierte Strich eines Bleistiftes (Modell „Grün-Weiß-Längsgestreift“) auch eine dieser manchmal viel zu oft zitierten zweiten Chancen formt? Alles nichtig gemacht also? Und vielleicht auch klein? Reinhard Meys neues Album „Das Haus an der Ampel“ hält viele solcher wunderbarer (und gefühlt stets substanzieller) Petitessen im Schlendergang bereit. Die Quelle aller seiner Kapitel entspringt dabei einer Zeit, in der der gleichnamig überlaufende Warenkatalog noch das heimliche Internet war und einige von Reinhard Meys bis heute funktionierenden Signaturen das Zwielicht der Welt erblickten.

Während der Liedermacher Reinhard Mey nun rote Fäden aus der Vergangenheit ganz geduldig in die Gegenwart abwickelt, kocht das Pulverkaffee-Wasser noch im Tauchsieder, steuert zur selben Zeit ein uns unbekannter Fred sehr groß gewordene Flugzeuge über Wolkendecken um die ganze Weltgeschichte. Mey ist darüber hinaus  einer der wenigen geblieben, die eine TV-Showtreppe erhobenen Hauptes hinauf statt hinab schreiten könnten. Und dabei immer das deutlich schärfere Bild dieser Welt zeichnen würden, während ihm bspw. Harald Juhnke, Frank Sinatra und Peter Frankenfeld trunken von sich selbst entgegentaumeln.

Geschichten, wie sie von Reinhard Mey erdacht werden, gehen auch auf „Das Haus an der Ampel“ wiederholt über Schmerzgrenzen. „Gerhard und Frank“ droht schon in der Überschrift hilflos sanfte Nachklänge aus der Unerträglichkeit an, woanders sind die Kinder längst fort und die Tische deutlich zu leer. Hätte ein Regisseur diffizile Lebensgeschichten zu verfilmen, Mey trüge den lebendig gewordenen und vollumfänglichen Dialoge-Duden dazu bei. Auf andere Weise  zeitgenössisch wird es, wenn es gewahr wird, dass das Titellied hier auch von Sven Regener stammen könnte. Dezent eingestreute kleine Albernheiten, der … huch … FC St. Pauli, so viele Fingerspitzengefühle und ein paar wenige herzlichste Reinhard Meys-Bullshit-Bingo-Momente später knoten Jack Segals scharlachrote Bänder gemeinsam mit Tochter Victoria-Luise das vermeintliche Ende zu. Die Farbe der Ampel bleibt in diesem Augenblick offen.

Ein Konzerttermin folgt. „Das Haus an der Ampel“ mit der akustischen Zugabe „Skizzenbuch“ ist als Doppelalbum und als limitierte Edition (Doppelalbum mit umfangreicher Bilderchronik) erscheinen. (kel)

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