In meinem finalen Semester an der Uni gab es den Kurs “Kunstkritik”. Im Grunde besuchten wir nur Ausstellungen für Umme und schrieben danach ein paar schlau klingende Sätze über den Schrott der uns dazu eingefallen war. Und wenn man es nüchtern betrachtet, dann macht ja jeder Musik-/Kunst-/Kulturjournalist nichts anderes. Aber ein Satz unseres manisch-depressiven und schwer rotweinabhängigen Professors blieb hängen: “Die Kritik ist nur der zum Scheitern verurteilte Versuch ein subjektive Wahrnehmung zu verobjektivieren.”
Mir den Auftrag zu erteilen, das neue Album “Piano Nights” von Bohren & Der Club Of Gore zu rezensieren ist eine höchst subjektive Angelegenheit.
Mir, einem Typen, der vor gut dreizehn Jahren um 4 Uhr morgens am sommerlichen Rheinufer saß und zu “Black City Skyline” vom 2000er Album “Sunset Mission” Rotz und Wasser geheult hat (übliche Gründe: Eine Frau, der Alkohol und das Leben an sich). Einem Typen, den seine Mitbewohner stets für einen satanischen Dämon hielten, weil er nachts zur laut aufgedrehten Geisterfaust (2005) BWL gepaukt hat. Einem Typen, der in seiner Masterarbeit zum Thema Urheberrecht Bands wie Sunn O))), Eluvium oder eben Bohren & Der Club Of Gore für deren inspirierende Musik gedankt hat. Da bleibt wenig Restobjektivität.
Wer Bohren und dem Goreclub vorwirft ständig das selbe Album zu machen, der/die hat einiges übersehen bzw. überhört. Denn derart entschleunigte Musik arbeitet nicht mit großen Umbrüchen oder Neuerfindungen. Irgendwo stand mal, dass sie versuchen den Stillstand zu vertonen. An anderer Stelle war es die Dunkelheit. Egal ob Stillstand oder Dunkelheit, beide verlieren ihre Existenz durch Veränderung. Grundsätzlich ist die Musik von Bohren & Der Club Of Gore eine extrem entschleunigte Art des Jazz mit einer ordentlichen Portion Drone/Ambient im Herzen. Auch laut aufgedreht (z.B. zum BWL pauken) ist diese Musik noch leise. Aber immer intensiv! Besonders die Langsamkeit ist es, die viele Leute überfordert und die dann so tolle Alben wie “Piano Nights” als langweilig interpretieren. Andere wiederum werden extrem nervös oder gar beängstigt beim Hören dieser Musik. Ein tolles Phänomen!
Wobei es bei Bohren eigentlich zwei Arten von Alben gibt. Die Experimentellen und die Poppigen (hahaha, ich habe “poppig” im Bohren-Kontext geschrieben! Glaubt mir nachher kein Mensch!). “Midnight Radio”, “Geisterfaust” oder “Beileid” zeichnen sich durch wenige, lange Stücke (10-25 min) aus. Letzteres hat übrigens zum ersten Mal Gesang und den von niemand geringerem als Mike Patton. Die Poppigen sind vornehmlich “Black Earth”, “Dolores” oder “Piano Nights”. Aufgrund der kürzeren Spieldauer haben die einzelnen Stücke eine leichtere Verdaulichkeit…
Achso, soll ja eine Rezension zu “Piano Nights” werden! Was bleibt denn zu sagen? Vielleicht strahlt “Piano Nights” einen Hauch mehr Zuversicht in all der Dunkelheit aus? Klar, das Saxofon des Todes spielt auch hier eine wichtige Rolle, wird aber öfter als sonst von anderen Bläsern gleichzeitig unterstützt. Macht die Sache irgendwie lebhafter. Das Piano hingegen ist stets präsent, aber meines Erachtens nicht so präsent wie es der Albumtitel vorzugeben scheint.
Bei rosarotem Licht kommt die Nacht ganz leise, während ich im Rauch, unrasiert und ohne Wind, auf Irrwegen zur Hölle segle. Komm zurück zu mir, denn alles ist verloren!
Am Freitag, den 28. Februar 2014 spielen Sie im Nochtspeicher. (gs)
