Wer das große Glück hatte, im vergangenen Oktober beim bislang einzigen Hamburg – Auftritt der Band Autobahn im Karatekeller des Molotow dabei gewesen zu sein, dürfte ähnlich erwartungsvoll auf den heutigen Tag gewartet haben, wie wir.
Autobahn also. Wie in dem Kraftwerk-Song, doch ohne hörbare musikalische Überschneidungen. Auch die Presseinfo verrät nichts über die Hintergründe der Namensgebung.
Heute erscheint nun endlich “Dissemble”, das Debutalbum des Quintetts aus Leeds und, soviel sei verraten, es hält, was die Songs der beiden bislang veröffentlichten (und vergriffenen), schlicht “1” und “2” betitelten, EPs versprochen haben. Keiner der sechs Songs der EPs hat seinen Weg auf das Album gefunden, die Band hat einen deutlich hörbaren Schritt nach vorne gemacht und die 10 neuen Songs sind stark genug, um auf ältere Hits verzichten zu können. Aufgenommen im The Nave-Studio, das sich in einer Kirche zuhause in Leeds befindet, entstand dieser düstere Koloss Anfang des Jahres in einem Zeitraum von sechs intensiven und nicht immer gesundheitsförderlichen Wochen. Produziert wurde es von Matt Peel, der bislang z.B. für die Pigeon Detectives, Eagulls oder The Crookes in Erscheinung getreten ist.
Der Opener “Missing in Action” beginnt mit einem Rhythmus, der ironischer kaum sein könnte: Es klingt, wie ein herannahender Zug, was eine schöne Konterkarierung des Bandnamens und gleichzeitig ein weiterer Verweis auf einen der einflussreichsten Songs von Kraftwerk (“Trans Europa Express”) sein könnte. Musikalisch geht es hier allerdings in eine ganz andere Richtung: “Joy Division x Sex Pistols equals Autobahn” schrieb ich damals, nach dem beeindruckenden Karatekeller-Gig, in unseren Chor des Monats, doch auch Einflüsse von Bauhaus, Killing Joke, den frühen Sisters of Mercy, The Fall, Girls Names und den Stadtnachbarn Eagulls sind auszumachen. In einigen Momenten klingt ihr düsterer Post-Punk aber auch ein wenig, wie die wütende Version von Maximo Park oder Interpol. Wut ist dabei auch ein gutes Stichwort, denn wenn das Album erst einmal Fahrt aufgenommen hat, ist so schnell kein Zwischenhalt auszumachen. Die Gitarren schneiden sich in den Asphalt, der Bass spielt stoisch seine Achtel, die Drums poltern, während Sänger Craig Johnson uns eine bedrückend düstere Version von Mark E. Smith gibt und all das in einer gehörigen Portion Hall zusammengeführt wird. Das Album zieht durch, verliert nicht an Fahrt. Wunderkerzen und Feuerzeuge dürfen die gut 40 Minuten definitiv in den Taschen stecken bleiben, auch wenn an einigen Stellen beinahe hoffnungsvolle Momente hindurchschimmern.
“Dissemble” ist nicht weniger als das Gitarrenalbum, das man schon so lange vermisst hat. Endlich mal wieder eine Band, die so klingt, als wenn sie es ernst meint und genau so klingen möchte, wie sie klingt: Mit Ecken und Kanten, ohne unnötige elektronische Spielereien und mit einer düsternis, mit der man zwar Indie-, oder Gothicclubs erreichen kann, aber sicher nicht darauf schielt, im Radio zu laufen.
Autobahn – “Dissemble” erscheint auf Tough Love / Cargo Records. (nsc)
Ein Video ist leider nicht verfügbar, aber ihr könnt hier ein Cover des Blitz-Songs “New Age” gratis runterladen und hier gibt es die Single “Immaterial Man” zu hören:
