“Let’s take the next slow train to my home”. Was sich hier textlich und musikalisch als Großstadtflucht ankündigt, ist der perfekte Auftakt zum neuen und dritten Album von Torpus & the Art Directors, das zunächst einen sehr entspannten, beinahe unaufgeregten Eindruck macht. Das bezieht sich nicht nur auf die Songs selbst, sondern auch auf ihre Instrumentierung, denn wer von den Torpedos ein weiteres Friesland-Folk-Album erwartet, oder gar eine Weiterentwicklung in diese Richtung, wird überrascht sein.
Vom aus gut 30 Instrumenten erschaffenen Sound des Vorgängeralbums ist ein kompakter, deutlich reduzierter und meist sehr entspannter Bandsound, Bass – Gitarren – Schlagzeug – Gesang, geblieben, der nur selten von weiteren Instrumenten ergänzt wird. Selbst wenn es mal ein kleines bisschen lauter wird, wie im “Dawn Song”, der im Gegensatz zum ruhigen Stadtflucht-Opener das Stadtleben beschreibt und damit sehr schön die Pole aufgezeigt werden, zwischen denen Torpus verortet sind, bleibt ein kompakter Klangteppich, der immer darauf achtet, die Stimme von Sönke Torpus nicht zu übertünchen.
Die vier Nordfrisians, ergänzt durch die schwedische Bassistin Jenny Apelmo, leben zwar mittlerweile alle in Hamburg, haben ihr drittes Album aber zuhause aufgenommen, irgendwo ganz weit oben an der Nordsee, nahe der dänischen Grenze. Dazu holte man sich Simon Frontzek, aka Sir Simon Battle, aus Berlin heran, der “The Dawn Chorus” mit der Band aufnahm. Das Material war zu diesem Zeitpunkt zum großen Teil schon auf diversen Bühnen ausprobiert und man hört ihm an, dass Songs und Band ausgiebig Zeit zum Reifen hatten. Zwar wurden fast alle Songs von Namensgeber Sönke Torpus geschrieben, Instrumentierung und Arrangements waren aber viel mehr Gemeinschaftsarbeit. Das überrascht anfänglich, da man die Band zunächst gar nicht so intensiv wahrnimmt, wie noch auf dem Vorgängeralbum: Weniger Chorgesänge, weniger ablenkende Spielereien, insgesamt diskreter – und doch alles andere als langweilig.
Denn natürlich gibt es genügend Abwechslung auf diesem Album, wie zum Beispiel im anfänglich country-esken “Poem For A Friend” mit seinen überraschenden Tempi-Wechseln und dem kleinen Trompete vs Gitarre-Battle zum Ende hin, dem hübsch kontrollierten Feedback in “Sleeping On The Backburner”, dem zweistimmig gesungenen “Don’t Gather Roses”, oder dem von Melf Petersen geschrieben und gesungenen “Two Hearts”, bei dem dann doch Posaune und Trompete in schöner Eintracht ihre Stimmen erheben.
Dieses Album ist ein klassischer Grower: Mit jedem Durchgang entdeckt man einige der vielen Feinheiten, die liebevoll in die Songs eingewebt wurden, die dem Album erst seine entspannt aufwühlende Atmosphäre verleihen und findet dann doch die so Torpus-typischen Chöre an vielen Stellen wieder, die eben nur viel dezenter eingesetzt werden, als in der Vergangenheit. Weniger ist mehr, das gilt unbedingt auch für die 13 neuen Songs auf “The Dawn Chorus” und man tut sich selbst einen großen Gefallen, sich die Zeit zu nehmen und die Songs kennenzulernen. Sie werden schon bald gute Freunde werden.
“The Dawn Chorus” ist auf Grand Hotel van Cleef erschienen und ab heute als Download, Vinyl und CD erhältlich. Live kann man Torpus & the Art Directors am 23. April im gruenspan hören, übrigens präsentiert von concert-news. Tickets gibt es bei der Theaterkasse Schumacher. (nsc)
