Da geht grad ein Raunen durch die Stadt, die zugepflastert ist mit Plakaten, Aufklebern und in der Luft hängende Namen. Man sieht zwei gut angezogene Großstadthalunken durch die Straßen ziehen, im schlurfigen Gang, verwegen, durchaus sympathisch. Doch wer sind diese Typen? Wer sind Kid Kopphausen? Hinlängst ist durchgesickert, dass es bei dieser illustren Truppe um eine neu ins Leben gerufene Band um Nils Koppruch und Gisbert Zu Knyphausen geht. Sie hingen eh schon manchmal in den verrauchten Backstage-Bereichen ihrer Auftrittorte zusammen ab und irgendwann – ob es zuviel oder zu wenig Wein war – kam ihnen die Idee, was zusammen zu machen. Angefangen hatten sie bereits mit ihrer gemeinsamen Split-Single “Knochen und Fleisch”, sodass sie merkten, dass das ganz gut klappt. Und nun steht mit “I” (Trocadero) ihr gemeinsames Debüt in den Startlöchern und könnte nicht besser wie Topf auf Deckel passen.
Der rumpelige Opener “Hier bin ich” dürfte die Erklärung für dieses Großstadttier sein: “Ich bin dein Bruder, deine Schwester und ich komm aus gutem Haus. Ich versteck mich in der Menge und verkaufe meine Haut. Bin verwundet und verdächtig, ich bin verliebt und unersetzlich. Ich verlang mehr als zu geben und ich hab mehr als ich brauch für ein unbestimmtes Leben und weiß mehr als du glaubst. Ich sag die Wahrheit und verletz dich, ich lüg dich an und unterschätz dich.” Es läuft mal argwöhnisch auf der Lauer, mit stampfendem Herzschlag und pumpemden Puls. Mal rennt es wie aufgescheucht, voller angespannter Freude quer durch die morgenstündlichen Straßen, weil es “Schon so lang” gewartet hat. Worauf auch immer.
Dann trollt es sich genügsam, lugt offen und gesellig über den Zaun. Manchmal glaubt man einen typischen Nils Koppruch-Song gefunden zu haben, wie bei “Schritt für Schritt”, welches mit dem Contra-Basslauf vom Wander-Goldpokal Felix Weigt durchzogen ist und die Leichtigkeit des Ende August anfangenden Sommers einfängt. Die Songs, so haben sie uns erzählt, haben sie zusammen entwickelt, die Handschriften sind aber nicht zu übersehen. Denn wenn auch unbändig positiv, merkt man “Das leichteste der Welt” aber auch “Wenn ich dich gefunden hab” an, dass es die Hymnen für Gisberts neues Leben sein müssen. Sein unbedingtes Ja hat man zuvor nur selten so klar vernommen und es macht so taumelig und man möchte des nachts durch die Straßen tanzen und laut “Ich hab euch Blumen und Pralinen vom Arsch der Hölle mitgebracht” singen.
Das Großstadttier wuselt und wirbelt, doch liegt auch mal genügsam in der Sonne, wunderbare Großstadtfolkklänge liegen in der Luft, von den anderen Bandmitgliedern Alexander Jezdinsky, Marcus Schneider und Felix Weigt inszeniert und aufgenommen im Studio von Jochen Hansen auf dem Lande. Die Texte, der rumpelige Blues und die Bluegrass-Anleihen erinnern musikalisch an die Solopfade Nils Koppruchs, wenn dieser in “Meine Schwester”, “Im Westen Nichts Neues” oder “Moses” zum Zuge kommt. Immer etwas verschlüsselt und umspielt.
Zusammen schaffen sie mit “I” ein rundes, homogenes aber gleichzeitig abwechslungsreiches erstes Werk, das gerne auch einen Nachfolger bekommen darf. Aber erstmal darf man sich überzeugen lassen, dass sie auch auf der Bühne ein schönes Halunkenpaar abgeben (30. August Prinzenbar/ausverkauft – 17. September St.Pauli-Theater). Und am Ende tigert das Großstadttier durch die Straßen, unverhohlen lässig singend: “Ich hab zwei Arme, ich hab zwei Beine. Ich bin viele, ich bin alleine. Ich bin frei und lieg in Fesseln, ich darf das Code-Wort nicht vergessen. Ich habe einen Kopf und zwei Augen, ich kann sehen, sprechen, denken, glauben. Ich hab einen Namen und ein Gesicht, ich sag “Hallo, hurra, hier bin ich”. (ms)