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Interview: Max Giesinger

Auch “Der Junge der rennt” muss irgendwann abbremsen. Schon länger war augenscheinlich klar, dass das ständige Performen zu viel ist für ihn. Nur gesprochen hat keiner darüber. Auf seiner neuen Platte lässt er ganz bewusst einen Blick hinter seine starke Fassade zu und zeigt gerade mit Songs, wie “Wenn ich leiser bin” und “Die Ausnahme”, dass Schwäche auch Stärke repräsentieren kann. Wir waren durchaus skeptisch was das dritte Album betrifft und müssen gestehen, Hut ab lieber Max, was hier geboten wird, trägt sich nicht nur durch durchdachten Tiefgang, sondern zeugt auch von einer musikalischen Entwicklung, die durchaus überrascht.

Aber nicht nur in diesem Punkt ist er gereift, auch persönlich hat er in den letzten Jahren einiges gelernt. Am 19. Dezember gibt es die ausverkaufte Releaseparty im Mojo Club bevor nächstes Jahr eine feine Show am 2. März 2019 in der Sporthalle folgt. Wir trafen uns mit Max Giesinger und fragten mal intensiv nach wie die Reise denn so war und wann er den Punkt, an dem rennen nicht mehr die Dauerlösung sein konnte, erkannte.

Aufbrechen, bloß nicht stehen bleiben. Dabei bist du sogar vor dir selbst weggelaufen. Warum ist Stillstand dein größter Feind?
Weil man sich sonst mit sich selber auseinander setzen muss. Ich bin zwar Anfang 30, aber gefunden hat man sich dann doch noch nicht so richtig. Mir wird auch immer so schnell langweilig. Irgendwie habe ich Bock die ganze Zeit was zu machen, so kann ich am besten abschalten. Tatsächlich liebe ich die normalsten Dinge. Sport, mit Kumpels einen Spieleabend machen oder ich komme bei einem Gig an und Backstage steht eine Tischtennisplatte. Das ist für mich das Allergrößte. Das muss eben nicht immer die Reise nach Kambodscha sein.

Die neue Platte “Die Reise” kann man mit Koordinaten entdecken. Wie gerne löst du selbst Rätsel?
Ich liebe Rätsel! Den Move mit den Koordinaten zur Platte finde ich ziemlich genial. Da bin ich etwas stolz drauf, weil jede Koordinate direkt mit dem Song und auch mit mir in Verbindung steht. Ich habe gerade ein Geschenk von meinem alten Nachhilfelehrer bekommen. Der hat mir drei Bierflaschen geschenkt, die in einem Korb mit Zahlenschloss versehen sind. Das sind drei Matheaufgaben, die ich ausklügeln muss, um an das Bier heranzukommen.

Was war das Highlight auf deiner musikalischen Reise?
“Das Fest” in Karlsruhe 2016, wo ich als Teenie meine ersten Bands, wie Silbermond und Sportfreunde Stiller gesehen habe. Das war für mich so emotional, weil ich da immer mit einer eigenen Band und einem richtigen Set spielen wollte. Die Leute waren brutal gut drauf. Ich hatte die Zeit meines Lebens, guck durch die Reihen und sehe meinen Bruder und andere Leute, auf deren Hochzeit ich gespielt habe. Als “80 Millionen” am Ende aus 40.000 Kehlen geschmettert wurde, war das für mich echt berührend und der Inbegriff für: Ich habe mein Lebensziel erreicht. Zu wissen, ich habe jetzt einen Song, der überall im Radio läuft, ich kann auf Tour gehen, da kommen mal Leute vorbei und ich bekomme jetzt endlich ein bisschen Aufmerksamkeit als Künstler.

Definiert man sich nach so vielen Shows tatsächlich noch über diese Aufmerksamkeit?
Ich habe gelernt, dass du dich als Mensch an alles gewöhnst. Leider auch an Erfolg und wenn du so viele Shows spielst, wie das bei uns 2016 und 2017 der Fall war, wird es irgendwann normal für dich, dass da immer sau viele Menschen vor der Bühne stehen. Dabei ist das was unglaublich besonderes, das sich so viele Musiker wünschen. Es hat immer noch Spaß gemacht, versteh mich nicht falsch, aber es wurde auch etwas anstrengender. Bei über 400 Konzerten in 3 Jahren gibt es natürlich auch ein paar Tage an denen ich dachte, ey krass, ich kann die Energie gerade nicht mehr aufrecht erhalten. Jetzt würde ich gerne Zuhause sein, eine Netflix Serie gucken, einfach mal wieder einen ganz normalen Abend haben.

Insgesamt wirkt das Album wie eine Art Selbsttherapie. „Wenn ich leiser bin” ist einer der bewegendsten Songs. Wann war der Punkt, an dem du gemerkt hast, dass es viel zu viel ist und nach außen stark sein nicht die Dauerlösung sein kann?
„Wenn ich leiser bin“ ist ein brutal ehrlicher Song und einer meiner Lieblinge auf dem Album. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch und gehe mit mir manchmal zu hart ins Gericht. Am liebsten würde ich immer alles richtig machen und niemanden enttäuschen. Ich hab in den letzten Monaten aber gelernt, dass es auch wichtig ist sich Schwächen einzugestehen und es völlig okay ist auch mal traurig zu sein. Wenn du aber immer gegen deine natürliche Bewegung gehst, also gut oder mal schlecht drauf bist, du aber den Clown spielen musst, obwohl du heute eigentlich kein Clown sein willst, führt das zu einer verzwickten Situation. Ich hab mir das lange krumm genommen, wenn ich mal schlecht drauf war, weil ja eigentlich alles super läuft. Toller Job, super Freunde. Dabei ist es wichtig die traurigen Momente zu zulassen, weil da durch die stärksten Songs entstehen.

Hast du das für dich selber gemerkt oder gab es auch Leute, die wirklich hinter deine Fassade gucken konnten?
Meine besten Freunde merken sofort, wenn mich irgendwas bedrückt und dann spricht man da einfach darüber. Ich sprech meine Kumpels auch immer direkt an, wenn ich merke, dass irgendwas unausgesprochenes in der Luft liegt oder komische Vibes am Start sind. Danach fühlt man sich doch gleich 100 mal besser. Ich glaube, dass wir Menschen im allgemeinen viel klarer miteinander quatschen sollten. Die meisten Beziehungen zerbrechen ja, weil Dinge nie klar kommuniziert werden und sich dann Emotionen aufstauen.

Michael Schulte war emotional nah dran und ist gerade Papa geworden, wie auch andere Freunde, die du im Song „Die Reise“ benennst. Wie geht es dir damit?
Das ist schon krass für mich. Schulte ist ja mein allerbester Freund und fehlt mir total. Wir haben bevor alles los ging fast jeden Tag zusammen verbracht. Mit ihm konnte ich so viel teilen, weil wir die gleichen Dinge durchgemacht haben und aus den gleichen Verhältnissen kommen, wie so richtige Brüder irgendwie. Dann merkst du plötzlich, ok, ich bin jetzt weg, ich hab endlich Erfolg, aber man sieht sich kaum noch. Schulte hatte schon immer diesen riesen Traum von einer Familie und lernte in der Zeit seine Frau kennen. Plötzlich zieht der Mensch, mit dem du alles geteilt hast, nach Buxtehude und baut sich da eine Familie auf. Ich freu mich tierisch für ihn und wir haben viel Kontakt, aber wir sehen uns eben nicht mehr jeden Tag.

Würdest du selbst den musikalischen Gürtel enger schnallen für eine eigene Familie?
Du, wenn die Richtige vor mir stünde, könnte ich mir das allmählich immer mehr vorstellen. Dann würde man eben nicht mehr so viele Termine annehmen, sondern gucken, dass man da eine schöne Balance hin bekommt.

Generell bist du nicht gut in Entscheidungen treffen. Wo macht sich das besonders bemerkbar?
Besser als früher. Ich versuche immer abzuwägen, welche Entscheidung wohl am besten wäre. Ich beschäftige mich so lange damit, dass mir das Zeit und Energie raubt. Es gibt manche Grundverhaltensmuster, die man nicht ablegen kann und ich konnte mich noch nie gut entscheiden. Ich bin dann auch sehr träge und brauche für einfache Sachen sehr lange. Das Einzige, wo ich wirklich beständig und sehr effektiv bin, ist im Musik machen, wenn ich Songs schreibe und was da noch so alles dazu gehört. Da bin ich sehr klar in all meinen Äußerungen. Privat ist es schwieriger.

Sind die neuen Songs nur ein kurzer Moment Innezuhalten, um mit neuer Energie wieder weiter zu machen oder gibt es tatsächlich eine Routenänderung bei dir, damit du glücklicher wirst?
Ich renne schon mein ganzes Leben dem Glück hinterher und immer wenn ich es habe, frag ich mich, wie man noch glücklicher werden kann. Diese Herangehensweise macht aber unzufrieden, weil man sich ja so nie entspannt zurücklehnen kann. Ich such immer nach der nächsten Baustelle. Seit einigen Monaten versuche ich mir jeden Morgen wieder ins Gedächtnis zurufen, wie besonders das ist, was ich gerade erlebe. Der Erfolg ist ja ein Piecks, der dich euphorisiert und ich weiß nicht, wie lange das noch anhält. Deswegen ist der Gedanke alles aufzusaugen und zu genießen, weil es auch bald wieder weg sein könnte. Bald geht’s ja mit neuen Songs auf Tour. Nichts macht mich glücklicher als meinem Publikum einen geilen Abend zu bereiten.

Wenn wir die Zeit zurückdrehen, an den Punkt wo es steil ging und du selbst das Tempo bestimmen könntest, was würdest du ändern?
Ich würde es tatsächlich genau so machen. Nur so kann man seine Grenzen abstecken. Ich hab mich dadurch viel besser kennen gelernt und weiß nun, was mir gut tut und was nicht. Kein Privatleben mehr zu haben, ist auf jeden Fall keine Option, aber wenn ich nur Zuhause rumhängen würde, würde mir die Decke relativ schnell auf´n Kopf fallen. Die Balance ist es, die mir gut tut und mich am Ende happy macht.

In dem ganzen Stress wurdest du nachts sogar mal in Boxershorts und Schlappen an einer Raststätte vergessen, als der Nightliner einfach weitergefahren ist. Gibt es noch andere verplante Situationen, an die du dich besonders gern erinnerst?
Das ist die Chefstory! Ich stand auch einmal einen Monat vor Abflug am Flughafen, weil ich den Rückflug auf den falschen Monat gebucht habe. Und dann gab es keinen spontanen Flieger, die waren alle 1.000 Euro teurer und das konnte ich mir nicht leisten. Alle Züge von Lissabon waren ausgebucht. Wir haben dann einen Flug nach Zürich gefunden, wo wir aber am Flughafen übernachten mussten. Morgens sind wir dann mit so einem ultra langsamen Opa, mit gerade mal 70 h/km auf der Autobahn, nach Köln gefahren. Ich bin da fast durchgedreht, weil ich zu diesem Auftritt musste. Das war witzig. Ich verplane ständig Dinge. Wenn mir jemand sagt, nimm das unbedingt mit, vergesse ich das auf jeden Fall.

Interview Tanja Kilian