Wie kreativ lässt sich ein Theremin spielen? Wie fühlen sich ischämische Attacken an? Und was macht man eigentlich bei einer plötzlichen Schwangerschaft? Vivie Ann klärte uns auf. Ungeschönt, auf den Punkt und mutiger als wir es erwartet hätten. Nach einigen Runden im Chaos-Karussell nahm sie das Zepter komplett selbst in die Hand und begriff das Leben als endliche Chance. Bei den Erlebnissen staunen wir nicht schlecht und ziehen den Hut vor so viel Willensstärke.
Auch ihre neue Platte “When The Harbour Becomes The Sea” klingt so gar nicht gradlinig, eher verspielt und unfassbar facettenreich in ihrem organischen Sound. Hierfür holte Vivie Ann sich gleich fünf unterschiedliche Produzenten mit an Bord. Wie es dazu kam? Lest selbst. Am 18. März gibt es die Songs aus ihrem neuen Album übrigens im Nochtspeicher zu hören.
Wie wichtig ist es dir als Selfmade-Künstlerin zu arbeiten?
Sehr sehr wichtig, weil ich einfach die Fäden in der Hand behalten kann und meine Musik mache, nicht die, die jetzt gut funktioniert. Im Musik-Business geht es ganz oft um Wirtschaftlichkeit und gar nicht um die Musik als Kunst, sondern eher als ein Produkt. Und dann ist es natürlich auch klar, dass man sich so ein bisschen danach richten muss, was angesagt ist. Das ist sehr viel Arbeit, wenn man keine Grundkenntnisse hat und sich erst mal überall einarbeiten muss. Ich mache jetzt auch Grafikdesign selber.
Immer öfter trotzen auch andere Musiker den Major-Labels, starten stattdessen auch Crowdfunding Kampagnen oder gründen ein eigenes Label. Inwieweit glaubst du, dass dieser Trend Zukunft hat?
Ja, denke ich auf jeden Fall. Plattformen, wie Spotify oder Apple Music, senden gerade Signale an kleine Selfmade Künstler und bieten ihnen Programme, bei denen sie selber gar kein Label mehr brauchen, sondern direkt ihre Musik veröffentlichen können. Das bietet heutzutage ganz andere Möglichkeiten, sodass man die Labels nicht mehr als große Bank benötigt. Es ist gut, dass so viele Künstler denen trotzen. Das habe ich gerade wieder bei Fayzen erlebt, der drei Jahre an seinem Album gearbeitet hat. Das Label hat jedoch gesagt, dass es nicht wirtschaftlich genug ist und so nicht funktionieren wird. Er sollte nochmal neu schreiben. Er liebt dieses Album aber, also macht er das nun selber. Ich glaube, alle Tore stehen dafür jetzt eigentlich offen und deswegen finde ich das so interessant, das zu beobachten.
Woher kam dein Verlangen mit so vielen Produzenten zu arbeiten? Und wie hat das dein neues Album beeinflusst?
Ganz am Anfang, als die Songs standen, haben wir schon gemerkt, dass sie alle in unterschiedliche Richtungen gehen und nicht nach einem Konzeptalbum klingen. Und dann haben wir gedacht, wieso holen wir uns nicht wirklich verschiedene Produzenten und unterstreichen das noch ein bisschen. Ich habe mich direkt vor das Plattenregal gestellt, die Platten herausgesucht und sie dann angeschrieben. Teilweise wusste ich auch gar nicht wer was produziert hat. Es war wirklich so ein Ratespiel, einfach mal probieren ob die überhaupt meine Mails öffnen. Das Wichtigste war mir, dass der Sound von der Platte warm ist und immer noch organisch klingt.
Hat es dir einer auch besonders angetan?
In wen ich mich auch als Mensch ein bisschen verliebt habe, auf einer professionellen Ebene, ist Philipp Schwär. Der ist echt super toll. Philipp arbeitet mit Cäthe, Pohlmann und das letzte Fynn Kliemann Album hat er auch gemacht. Ein wundervoller Produzent, aber die waren alle toll. Und vor allem war jeder ganz anders.
Wie seid ihr zu dem Instrument Theremin gekommen und wie sehr hat es euch in die Verzweiflung getrieben?
Ich wollte ursprünglich eine Opernsängerin, die ganz oben im Sopran eine ganz hohe Linie singt. Ich habe probiert die Ursprungsidee ein bisschen zu imitieren. Das hat aber gar nicht geklappt. Als Zwischenlösung sind wir auf dieses Theremin gekommen und haben das erstmal mit dem Keyboard eingespielt. Wir dachten wir organisieren uns das und irgendwie können wir das schon händeln. Als wir dann mit dem Produzenten tatsächlich am Song gearbeitet haben, war ganz schnell klar, das kriegen wir überhaupt nicht hin. Es war eine Katastrophe. Du regulierst die Tonhöhe über den Abstand zu dem langen Stab. Wir haben das jetzt so gemacht, dass der Produzent quasi den Abstand zu dem Stab nicht verringert oder erhöht hat, sondern gleichgeblieben ist und durch leichte Handbewegungen nur ein Vibrato gemacht hat. Und ich habe durch diesen Regler, bei dem ich mit einem Marker abgezeichnet hatte, wo die Tonhöhen sind, tatsächlich versucht so zu intonieren. Das war echt super lustig. Es hat auch sehr lange gedauert, aber im Endeffekt hat es geklappt.
Du hast an ischämischen Attacken gelitten. Wie schwer war die Zeit für dich?
Ich habe gedacht ich bin jung, mir passiert sowieso nichts. Plötzlich war ich machtlos und stand auf der Kippe. Die Störung wandert durch unterschiedliche Hirnareale. Erst war mein Sehzentrum befallen, dann irgendwelche Extremitäten. Dann ging es bis zu meinem Sprechzentrum, so dass ich gar nichts mehr formulieren konnte. Es macht einem unheimlich viel Angst, weil man in dem Moment einfach komplett kontrolllos ist. Du weißt nicht was mit dir noch passiert. Es kann jeden Moment zum Schlaganfall kommen. Bis entdeckt wurde, was das eigentlich war, dauerte es vier Jahre. Ich konnte nicht einmal unterscheiden, ob es ein Schlaganfall war oder nicht. Ich wusste das erst in dem Moment, als mir im Krankenhaus Blut abgenommen wurde.
Hat dieses Schicksal auch deine Haltung zum Tod beeinflusst?
Ich habe gelernt, dass das Leben so schön ist, weil es endlich ist. Seitdem mache ich keine Abstriche mehr. Ich bin kompromisslos geworden. Das fällt in so einer Branche, wie der Musikbranche, nicht sehr leicht. Du bist in so einer richtigen Maschinerie drinnen. Das kriegst du nicht mehr richtig mit. Du musst funktionieren, hast deine Termine, musst super aussehen und fit sein. Es waren viele Dinge, bei denen ich mir heute sage, da mache ich mir lieber keinen Stress mehr mit. Es ist schön, wenn den Leuten meine Musik gefällt, aber wenn ich in einem Jahr dadurch zusammenbreche, hat niemand was davon. Natürlich sind die Leute, die meine Musik hören, nicht direkt davon tangiert, aber meine Familie. Und die Musikbranche strickt daraus am besten noch eine Story. Ich mache lieber das was mir in dem Moment auch gut tut.
“Cold Water” ist eine Hommage daran, dass du selbst früh unverhofft schwanger geworden bist. Was würdest du jungen Frauen raten, die sich mit so einer Situation ebenfalls überfordert fühlen?
Es ist wichtig stolz zu sein, das verstehe ich, aber nicht so stolz, sich Hilfe zu holen. Es gibt echt viele Menschen in seinem Umfeld, denen man klar machen kann, dass man das nicht alleine schaffen kann. Wenn alle ein Stückchen übernehmen, sind es viele Hände, die einen entlasten können. Niemand verteufelt einen dafür. Wenn jemand einen verteufelt, dann kick den aus deinem Leben. Es ist wichtig auf sich selbst zu hören, in sich selbst hineinzuhorchen und zu schauen, wie fühlt sich das für mich an. Weil du bist derjenige, der sein ganzes Leben damit leben muss, je nachdem wie du dich entscheidest.
Für mich war es auch ein großes Problem, dass ich mich dafür geschämt habe, dass ich überfordert bin. Ich war ja sehr jung. Zwar hatte ich Unterstützung durch einen wundervollen Vater, das wusste ich aber damals nicht. Ich kannte ihn nicht. Er kannte mich nicht. Dadurch ist das natürlich eine schwierige Situation. Da muss man einfach schauen, wie viel Vertrauen man in sich selbst hat und wie viel Vertrauen man seinem Gegenüber gibt. Bei mir war es tatsächlich so, dass er mir sehr viel Halt gegeben hat.
Das Video zu „Obsolete Majesty“ hast du leicht bekleidet in Island gedreht, wo du bei Minusgraden sogar im Wasser abgetaucht bist. Wie kalt ist Island dir in Erinnerung geblieben?
Es war das Kälteste, was ich jemals erlebt habe. Wir hatten -13 Grad und nur Schneesturm. Ich habe nie erlebt, dass innerhalb von kürzester Zeit 40 Zentimeter Schnee gefallen sind. Sie mussten ständig anhalten und den Weg frei schippen. Im ersten Moment dachte ich, wir können gar nicht drehen. Aber was ich nicht wusste ist, dass das Wetter auf Island ganz schnell umschlägt. Die ersten Takes konnte ich gar nicht ins Wasser gehen, weil es noch gefroren war. Erst als die Sonne rauskam, knackte das Eis und ich konnte mich durch die Schollen durch arbeiten. Es ist mir auf der einen Seite sehr kalt in Erinnerung geblieben, auf der anderen Seite hatten wir eine wunderschöne Zeit dort mit Polarlichtern und mit einem ganz tollen Filmteam.
Wie bricht man das Klischee und spricht als Frau einen Typen an?
Das habe ich ein paar Mal ausprobiert. Dadurch ist auch „Loverboy“ entstanden. Besser als irgendwelche Sprüche funktioniert tatsächlich so ein süßer Blick. Einfach den Mumm zu haben, sich neben einen Mann zu stellen und ihm einfach ins Gesicht zu schauen und anzulächeln. Dann habe ich nur hey gesagt. Manchmal hatte ich auch ein ganz kleines bisschen einen im Tee, um mir ein bisschen Mut anzutrainieren. Irgendwie sind die Typen damit oft überfordert, weil es komischerweise immer noch andersherum funktioniert.
Interview Tanja Kilian

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