Facetune gehört längst zum Standardrepertoire. Selbstoptimierung löst den guten alten Knigge ab. Wer braucht schon Manieren, wenn er sich hinter dem perfekt inszenierten “Filter” verstecken kann – sowohl on als auch offline. Wir sprachen mit Tim Bendzko über Schönheitsoperationen, Selbstliebe, den ganz alltäglichen Versandwahnsinn und warum wir eigentlich alle ein bisschen schizophren sind.

Mit dem Titel seines neuen Albums trifft er wie immer den Puls der Zeit, auch wenn er selbst nicht immer den eigenen “Filter” ablegen kann. Warum er die Quint­es­senz seiner durchaus bedachten Songs, nach wie vor, hinter einfach gehaltenen Metaphern versteckt, bleibt uns ein Rätsel. Trotzdem eine Platte, die man ruhigen Gewissens hören oder direkt am 19. Mai in der Barclaycard Arena live erleben kann. Hier geht es um seine ganz eigene Sicht auf die Dinge, sei es die ironische Verherrlichung der übersteigerten Selbstüberschätzung anderer, die Erinnerung an einen schmerzhaften Verlust oder auch Grenzen in der Liebe zu überschreiten.

Bist du Theoretiker oder Praktiker?
Lustigerweise beides im gleichen Maße. Ich liebe es zu planen, bin gleichzeitig aber total spontan. Allerdings stelle ich wirklich gefühlt alles erstmal aus Prinzip in Frage, wie könnte man das machen, wenn man nicht wüsste wie alle anderen das machen. Das ist jetzt nicht so, dass es auch immer zu einem besseren Ergebnis führt, aber sich zumindest die Frage zu stellen, ist ziemlich wichtig.

Was ist die größte technische Innovation für dich?
Tatsächlich das Smartphone. Ich hatte schon das allererste iPhone. Das war verrückt, ich hatte einen Freund zu Besuch und der hatte einen Mac. Bis dahin war ich so ein Windows Heini. Bei dem Mac funktionierte alles so, wie ich es machen würde und nicht so, wie ich es gelernt habe. Bei Windows wusste ich zwar wie es funktioniert, aber es war alles so um die Ecke gedacht. Ich fand das so krass, dass ich mir sofort einen iPod touch gekauft habe. Das wiederum war das erste Gerät, das genau so funktioniert hat, wie die Werbung es versprochen hat. Nach einer Woche habe ich ihn direkt wieder verkauft und beschlossen ich brauche so ein iPhone, das es in Deutschland aber noch nicht gab. Es sei denn irgendjemand hat es von irgendwo eingeführt. Bei ebay habe ich jemanden gefunden, der eins hatte und in Berlin war. Ich fuhr zu ihm nach Berlin, traf ihn am einem Stromkasten am Frankfurter Tor und kaufte es ihm ab. Zu der Zeit wohnte ich noch bei meinen Eltern ein bisschen außerhalb. Das hat genau eineinhalb Stunden gedauert.

Bist du generell so ein Typ, wenn du was willst, dann muss es direkt sein?
Ja klar (lacht), total! Das wird ein bisschen besser gerade, aber ich neige sehr dazu alles sofort haben zu wollen. Ich finde es ganz unerträglich auf Sachen fünf Wochen warten zu müssen. Aber gerade komme ich auf so einen Trip, wo ich das Gefühl habe, dass in allen Lebenslagen so eine Sättigung passiert. Alles ist immer verfügbar, alles wird immer schneller, dass ich anfange auch ganz viel zu genießen, sich auch mal wieder auf Sachen freuen zu können.

Was für ein Konsumtyp bist du?
Ich frage mich immer mehr, hat das wirklich irgendeinen Mehrwert, wenn ich mir diesen Quatsch kaufe. Gerade dieser ganze Versandwahnsinn, der ja gerade über die Welt einbricht, das versuche ich tatsächlich ein bisschen einzudämmen. Es gab wirklich Zeiten, da habe ich jeden Tag mindestens drei Amazon Pakete bekommen und dann schickt man danach immer zwei davon zurück. Das ist wirklich an Dummheit nicht zu übertreffen. Das kostet als Prime Kunde ja auch nix. Es ist bequem. Und aus Bequemlichkeit einfach Quatsch zu machen, das mag ich einfach nicht.

Dein Album heißt ja “Filter”. Wie schafft man es die Echtheit des alltäglichen Contents, sowohl on- als auch offline zu sehen, statt sich von den vielen Filtern blenden zu lassen?
Ich glaube, das ist tatsächlich eine Frage des Selbstbewusstseins. Immer wenn Menschen meinen alles zu übertünchen, anders wirken zu wollen als sie sind, ist das aus meiner Sicht meistens Unsicherheit.
Das ist mit Sicherheit auch ein gesellschaftliches Thema, aber immer in Kombination mit Selbstreflexion. Einem wird ja überall suggeriert, wie man sein soll, was gut und richtig ist. Mir fällt immer mehr auf, wie überall Leute abgebildet werden, wo jeder sofort sieht, dass sie sich im Gesicht operieren lassen haben. Und das wird dann als Schönheitsideal vorgebetet. Die Konsequenzen davon sind natürlich klar, wenn man das an jeder Straßenecke sieht und einfach denkt so sehen Menschen aus, dann neigen gerade junge Menschen dazu zu glauben, so muss man aussehen, um anerkannt zu werden.
Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man bei sich selber gucken muss, wie finde ich denn das was ich mache. Und nicht erst bei den Anderen.

Schaffst du es wirklich da bei dir zu bleiben und echt zu bleiben?
Ich bin ja der Letzte, der das einschätzen kann. Ich habe relativ früh als Kind für mich festgestellt, dass ich keine Lust habe mit dem Strom zu schwimmen, sondern dass ich besser damit fahre, wenn ich so bin, wie es sich für mich gut und richtig anfühlt. Es ist ja viel anstrengender immer zu versuchen in irgendeiner Rolle zu bleiben, das macht auf Dauer nur irgendwann unglücklich.

Kleine Zeitreise: In deinem alten Song “Ich kann alles sehen” singst du von Situationen, die passieren, die du zuvor eigentlich nicht wissen kannst. Hast du so eine Fähigkeit Dinge im Voraus zu sehen?
Der Witz an der Sache ist ja, ich habe mit 11 / 12 Jahren beschlossen Sänger zu werden. Immer wenn ich abends im Bett lag, habe ich mir ausgemalt wie das so sein wird Popstar zu sein, statt Schafe zu zählen. Den Song habe ich offensichtlich geschrieben bevor ich es dann wurde. Als “Welt retten” dann so ein Erfolg wurde, kam immer die Frage, wie es sich denn anfühlt, dass jetzt so plötzlich der Erfolg kommt. Und ich habe gesagt, das absurde daran ist nicht, dass es so plötzlich kommt, sondern dass ich es die ganze Zeit gewusst habe.

Hast du das denn generell bei Dingen, dass du sie vorher weißt oder war das so eine Ausnahme?
Ich habe da immer so eine Ahnung, welche Dinge passieren. Intuition ist da das richtige Wort. Es ist auch ein bisschen komplexer, weil es sind zwei verschiedene Sachen. Ich glaube, wenn du dir im Leben irgendeine Sache lange genug einredest, machst du automatisch irgendwann die richtigen Sachen. Und die andere Sache ist so situationsmäßig, man ist irgendwo und hat das Gefühl hier wird gleich das und das passieren und das ist dann auch meistens so. Das habe ich in einem unglaublichen Maße und mittlerweile weiß ich auch, dass dieses Gefühl dann stimmt.
Eigentlich ist es auch ziemlich schlau sich nur mal kurz auszumalen, wie es dann wohl sein wird. Dadurch ist man gefühlt spontaner und entspannter. Es geht gar nicht darum, dass es dann auch genau so kommt, aber wenn man eben die ein oder andere Eventualität schon einmal durchgespielt hat, gibt es einfach ein paar Pfeiler auf die man sich berufen kann.

Welche thematischen und vor allem emotionalen Herausforderungen bringen dich an deine Grenzen?
Dieses Gefühl zu haben, dass ich die ganze Zeit unterinformiert bin, das macht mich wahnsinnig. Das ist auch ein Grund warum ich öffentlich nicht dazu neige große politische Reden zu schwingen. Ich bin in tagesaktuellen politischen Themen ganz gut drin, weil ich gefühlt immer alles lese, was mir über den Weg läuft, aber ich habe häufig den Eindruck, dass das nur von einer Seite beleuchtet ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute zu irgendeinem Thema eine ganz klare Meinung habe, die aber morgen ganz anders ist, weil ich irgendeine neue Information dazu bekommen habe, ist relativ groß. Es ist mir einfach selber nicht richtig geheuer, ob ich mich wirklich damit intensiv genug auseinander gesetzt habe.
Ich würde gerne den ganzen Tag Dinge lesen, um mich weiter zu bilden. In allen möglichen Themen, dafür fehlt aber natürlich die Zeit. Es kann sein, dass ich morgen anfange zehn Bücher über Quantenphysik zu lesen. Ich versuche das dann zu verstehen, gleichzeitig möchte ich aber auch z.B. alles über Trump wissen. Die Phase hatte ich tatsächlich letztes Jahr.

Aus Fehlern lernt man bekanntlich. In der Realität trifft das aber nur auf die Wenigsten zu. Was glaubst du warum Menschen immer wieder dieselben Fehler begehen?
Es ist mir eine Rätselhaftigkeit. Ich habe irgendwo gehört, dass die Definition von Schizophrenie ist, wenn man zweimal das Gleiche tut und einen unterschiedlichen Ausgang erwartet. Und da neigt man ja zu das zu tun. Das würde auch zu der Frage davor passen. Eine Sache mit der ich sehr struggele. Ich versuche tatsächlich es mal zu schaffen nicht immer die gleichen Fehler zu machen. Das gelingt einem ja auch irgendwann, weil man lernt ja aus den Dingen. Gleichzeitig merkt man ja doch immer wieder, dass man nicht so richtig aus seiner Haut kann und sich gewisse Dinge nicht so richtig abtrainieren kann. Das ist ja auch so in Beziehungen aller Art, ob jetzt Freundschaft oder Liebesbeziehung, man gerät immer an die gleichen Leute bis man irgendwann seine Lektion daraus gelernt hat. Man trifft Menschen immer, um von ihnen zu lernen und wenn man das nicht schnallt, trifft man halt immer wieder auf die Gleichen, nur mit anderen Gesichtern.

Gibt es ein (Alltags-)Experiment, das du gerne mal durchführen würdest, um deinen Erfahrungsschatz zu erweitern?
Ich würde tatsächlich gerne mal einen Monat lang irgendwo auf einer einsamen Insel ohne alles sein. Das ist nicht so spektakulär und eigentlich der Klassiker, aber einfach um mal zu gucken, wie sich das so anfühlt. Ich würde aber tatsächlich auch mal so eine Kur machen, wo man so vier Wochen nichts anderes macht als lesen und Tee trinken. Alle Vorschläge die ich hätte, sind verbunden mit Reduktion.
Dabei geht es mir nicht darum sich auf sich selbst zu fokussieren. Das wird ja so inflationär gerade gepredigt, dass alle sich bitte mal um sich selber kümmern sollen. Und ich glaub da nicht so richtig dran: Du musst dich nur selber toll genug finden, dann kann dir nichts passieren. Selbstliebe ist schon eine entscheidende Sache, aber das wird immer wieder gerne ein bisschen mit Selbstsucht verwechselt. Ich lese gerade ein Buch von Erich Fromm “Die Kunst des Liebens”, da gibt es ein Kapitel „Selbstliebe“, wo er das ganz gut erklärt.

Die Erfüllung nach der immer alle suchen, liegt glaube ich, nicht in einem selber. Das ist natürlich die Basis dafür, weil wenn man sich selber nicht liebt, kann man niemand anderes lieben. Aber am Ende ist das schon so, dass alle danach streben mit allen irgendwie wieder zusammen zu kommen. Alle werden gefühlt egoistischer und regen sich darüber auf, dass alle anderen egoistisch sind. Im Straßenverkehr ist das am besten zu sehen. Und irgendwie versuchen alle einfach nur zusammen zu kommen und es endet aber in immer mehr Isolation.

Worin bist du völlig untalentiert?
Ich kann wahrscheinlich nicht gut basteln und meine Handschrift ist grauenhaft, weil ich mir so oft den Arm gebrochen habe, dass mein Handgelenk sich so anfühlt als könnte ich nicht wirklich steuern, was ich damit mache. Mir würden da eine ganze Menge Dinge einfallen, aber lustigerweise ist das was Menschen, die mir nahe stehen, über mich sagen, dass ich alles ein bisschen kann. Ich bin viel zu ungeduldig, aber ich lerne gerne Sachen.

Was bedeutet Fotografie für dich? Und was kommt dir so vor die Linse?
Tatsächlich kristallisiert sich das gerade so ein bisschen raus, was ich eigentlich richtig gut finde. Ich habe festgestellt, man kann auf unterschiedliche Art und Weise nach Motiven suchen. Es gibt Leute die Konstellationen sehen, also die sehen eine Brücke und denken was ist das für ein geiles Motiv und dann gibt es dieses nach Licht fotografieren. Und ich zwitsche gerade zu dieser Lichtsache, weil ich das Gefühl habe, dass fast alles was man fotografiert plötzlich eine ganz andere Magie bekommt. Ich fotografiere aber genauso gerne Gesichter, Hände und Körperteile im weitesten Sinne, aber auch architektonische Sachen. Ich fotografiere nicht um Erinnerungen zu schaffen, sondern um ein schönes Bild zu haben, das ich mir in der Theorie irgendwo hinhängen kann.

Interview Tanja Kilian

Foto Credits: Andre Josselin

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