Wie oft lief diese Platte schon durch die Lautsprecher bzw. Kopfhörer, wie euphorisch bewegte ich mich tanzend und singend und verschroben glücklich durch die Wohnung, durch die Straßen beim Hören vom fünften Album der Schwestern Bianca und Sierra Casady alias CocoRosie (25. Mai | Uebel & Gefährlich).
“Tales Of A Grass Widow” lässt keine Wünsche offen, es berührt, versetzt mich in Trance-Zustände, zerrt mich in die Vergangenheit, reißt mich zusammen mit Antony Hegarty in den Future Feminism und offenbart mir wie sich Mutter Natur anfühlt. Das klingt alles esoterisch, ein bisschen wie auf der Suche nach der eigenen Mitte. Doch hier braucht man keine Augenbraue heben und verächtlich mit den Augen rollen. Sondern fallen lassen in einer Welt voller Zwänge und Ängste.
Ganz so unbedarft ist es nicht, dieses “Tales Of A Grass Widow”, setzt es sich, wie für die Casady-Schwestern bekannt, mit Kindheit, Tod, Feminismus, Politik und Natur auseinander. Dazu passen die vielen kleinen Töne und Momente, die man erst nach mehrmaligem Hören vernimmt. Dazu passen die so unterschiedlichen Schwestern, die eine naiv kindlich (“Roots Of My Hair”), die andere ausdrucksstark erwachsen (“Villain”). Dazu passt die wunderschöne Stimme Antony Hegartys (“Tears For Animals” und “Poison”), dazu passen die berauschenden Beattöne des jahrelangen Begleiters Tez bei “End Of Times” und die Weltmusiktöne bei “Broken Chariot”, die durch den isländischen Produzenten Valgeir Sigurí°sson ermöglicht wurden. Die Musik von CocoRosie ist nie einfach nur Musik, sie ist ein Großes Ganzes: Die künstlerisch umtriebigen Schwestern haben zuletzt das Theaterstück von Robert Wilson zu “Peter Pan” in Berlin musikalisch unterstützt, nachdem sie letztjährig ihr eigenes Tanztheater “Nightshift” erfolgreich auf die Beine gestellt haben.
Manchmal klingt “Tales Of A Grass Widow” wie ein düsterer Alptraum, aus dem man nicht mehr rauszukommen scheint, manchmal wie eine große Märchen-Hochzeit, mit Feuerspuckern, Fabelwesen und Hutzauberern. Es wirbelt einen herum, lässt Schatten aus einem Schwarm Krähen über den eigenen kleinen Kosmos kreisen (“Harmless Monsters”). Trotz dieser unterschiedlichen Stile und Inhalte, schaffen CocoRosie etwas eingängiges, etwas was bleibt. CocoRosie, das einnehmende, ambivalente haarige Wesen, was dich manchmal in den Arm nimmt oder dich wegstößt, das dir seinen warmen Atem ins Gesicht haucht oder dir mit seiner Coolness eine Gänsehaut bereitet. Welcome To The Afterlife!