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Interview: Odeville

Geht es nur uns so oder wird Sänger Hauke immer übermütiger? Vor knapp fünf Jahren zog er ein Sofa in die erste Reihe und versprach genau das auch für uns zu wiederholen, wenn sie irgendwann selbst die Trabrennbahn füllen würden. Beim Pre-Listening zur neuen Platte „ROM“ hat er direkt mal alle Gäste für 2021 zur großen Show eingeladen. Gerade noch Album der Woche bei uns, standen uns Odeville, die am 20. Dezember im Knust spielen, Rede und Antwort darüber, warum sie Joris im Affekt am liebsten auf´s Maul gehauen hätten und wie sie zur Wegwerfgesellschaft, Rassismus und dem Mainstream stehen. Aber lest selbst:

Welche Songs würde man nie auf eurer Playlist finden?
David: Scooter – How Much Is The Fish
Hauke: Obwohl ich mit dir und HP gerne mal durch die Spätlokale bummeln würde. Jeder bekommt ein Megaphone in die Hand gedrückt, wir dürfen nur in Scooter Punchlines kommunizieren und Hans Peter zahlt die Rechnung…für die letzten 25 Jahre…
David: Faster Harder Odeville
Hauke: The Question is David what is the Question

Wie oft habt ihr das aktuelle Album umgeschmissen und neu gedacht?
Hauke: Für die Demo von „8mm“ habe ich die ersten Textstücke auf dem Weg zum Deichbrand 2016 geschrieben. Krass wie schnell die Zeit vergeht. „8mm“ war einer der wenigen fertigen Song-Skizzen, die das „Große Umkrämpeln“ auf „ROM“ überlebt haben.
David: Einen Großteil der 14 Tracks sind aber im Studio entstanden. Wir haben uns mit unserem Produzenten Arne Neurand in Abständen für Wochen eingeschlossen und mussten erstmal wieder eine gemeinsame Sprache im Songwriting entwickeln.
Hauke: Arne war da auch eher Therapeut als Produzent
David: Der arme Neurand. Der hat all unsere negative Energie aufgesogen und sie in Kreativität umgewandelt.
Hauke: Zu dieser Zeit haben wir uns halt alle sehr ausgebrannt gefühlt und mussten uns damit abfinden, dass die Leichtigkeit von der „Phoenix“ nicht ein zweites Mal reproduzierbar war. Songs wie „Königreich“, „Rom“ oder „Halb Vier“ konnten aber auch nur aus der Schwere der Ereignisse um uns herum erwachen.
David: Aufnehmen, kaputt machen, aufnehmen, kaputt machen, aufnehmen kaputt machen…
Hauke: aus den Trümmern das Beste entnehmen…
David: und drauf aufbauen.

Wer hat bei euch das letzte Wort und ist definitiv einer der anstrengenden Sorte?
David: Im bestem Fall sind wir uns alle einig…
Hauke: Wie das bei uns fünf Glamour-Diven auch immer möglich ist. Ich glaube aber in der Gruppe bin ich wohl der anstrengenste Charakter.
David: Sei nicht so hart mit dir selbst. Sagen wir einfach du hast immer gerne „noch einmal“ eine Idee.

Abgeblitzt bei den Major Labels, veröffentlicht ihr „ROM“ nun auf eigene Faust. Seid ihr zu eigenwillig oder woran macht ihr das fest?
David: Wir sind den Majors scheinbar zu „uncool“
Hauke: …die coolste uncoole Band der Welt
David: …oder sie sehen in uns nicht das Potenzial…
Hauke: …noch nicht
David: Dezember 2017 saßen Hauke und ich dann angeschwipst im Taxi und haben gescherzt, dass wir auch alles alleine machen könnten. Der Weg geht ja eh dahin, dass sich Bands wie Leoniden oder Le Fly selbständig machen, um einen Bogen um die Knebelverträge der Großen zugehen.
Hauke: Ich kann mich an den Abend erinnern. An dem wurde „PANDA PANDA“ geboren
David: Wir sind ja eh schon extreme „Selfmade Menschen“, wissen was wir wollen und halten die Zügel gerne selber in der Hand…und wenn die Leute fragen „Warum habt ihr euer Label „PANDA PANDA“ genannt…
Hauke: …dann sagen wir „Zwei Pandas sind immer besser als einer“

Wie wichtig ist es dem Mainstream in Arsch zu treten, statt sich dem System zu beugen?
David: Ich glaube das machen wir unbewusst… „gut“
Hauke: Ich glaube nicht. Wir wollten eigentlich niemanden in den Arsch treten, sondern haben uns einfach nur bewusst dagegen entschieden, glattpoliert und austauschbar zu klingen. Der Zeitgeist im Mainstream ist ein anderer, als der, den wir mit der „ROM“ bedienen und es ist uns klar, dass wir im Vergleich zu den großen Acts damit keinen Blumentopf gewinnen werden. Auf der anderen Seite wette ich, dass wir inhaltlich auch noch in 15 Jahren zu diesem Album stehen können. Frag mal den Ghost Writer von Wincent Weiss, ob der das auch kann.
David: Ich glaub ich brauch frische Luft

Wie groß war der Schreck als Joris seine gleichnamige Single veröffentlichte?
David: Möchte gerne einfach Hauke zitieren: „Ich hau ihm auf´s Maul!“
Hauke: Nach zwei Jahren Produktion und Administration hängen die Nerven schon manchmal am seidenen Faden…
David: Du hast in deiner Tobsucht auch nicht sofort gecheckt, dass nur seine Single „ROM“ heißt. Das Album heißt ja „Schrei es raus“.
Hauke: Genau… klingt scheiße…er hätte es „ROM“ nennen sollen. Das ist ein guter Albumtitel.

Gegen die Wegwerfgesellschaft und laut gegen Rassismus. Kante zeigen ist für euch eine Selbstverständlichkeit. Mit welcher Strategie positioniert ihr euch zu solchen schwierigen Belangen?
Hauke: Sich zu positionieren, sollte für jeden eine Selbstverständlichkeit sein. Es ist keine Strategie von uns dahinter zusagen, dass grade in der heutigen Zeit gesellschaftlich viele Sachen nicht richtig laufen. Wir stellen Besitz vor Leben, Verbale Gewalt vor Liebe und klatschen Beifall für Hasstiraden von rechts. Mit zwanzig dachte ich, dass wir auf ein vereintes Europa zusteuern und dann vielleicht auf eine vereinte Welt. Ich bin jetzt sechsunddreißig und könnte vor Wut fast jeden Tag ausflippen. Es ist siebzig Jahre her, dass Deutschland sich für den Tod von sechs Million Juden verantwortlich gemacht hat. Wir haben diese Menschen einfach ausgelöscht. Wenn Alexander Gauland dies als Fliegenschiss in der tausendjährigen Geschichte Deutschlands bezeichnet, würde ich gerne der erste sein, um ihn im Tag-Team mit Joris freundlich darauf hinzuweisen, dass das eine gänzlich beschissene Aussage ist.

Hauke, die enorme Energie in „Königreich“ erzeugte der Tod deines Vaters. Welchen Einfluss hatte dieser Schicksalsschlag auf die Entwicklung der Songs?
Hauke: Nachdem ich die Nachricht erhalten habe, ist für mich eine Welt auseinandergebrochen. Jeder Mensch geht anders mit dem Tod um und ich habe mich in der Trauerzeit einfach noch einmal auf die Texte der schon fertig geglaubten Platte gestürzt. Königreich war das erste „Opfer“. Ich wollte diesen Song meinen Vater widmen und trotzdem beschreiben wie sich meine innerliche Zerrissenheit anfühlt. Ich war so wütend auf mich selber und die Welt und in meinem Kopf war noch „Fick Dich Leben – Fick dich und deine Freunde.“ Es ist wahrscheinlich, der ehrlichste Text, den ich je geschrieben habe.
David: Zu einem der stärksten Songs, die wir je aufgenommen haben.

Beim Pre-Listening platzte die Hebebühne aus allen Nähten. Dabei gleicht jede eurer Platte einer Wundertüte. Wie sehr geht euch der Arsch auf Grundeis, wenn ihr eurer Fanbase neue Songs präsentiert?
David: Ich bin eher aufgeregt und liebe es die Reaktionen zu beobachten.
Hauke: Bei „Königreich“ hat sogar ein Mädchen in der ersten Reihe geweint
David: Weil der auch einfach so gut ist…
Hauke: …oder ihr jemand auf den Fuss getreten ist.
David: Der Laden war halt auch verboten voll.
Hauke: Die Odeville-Familie wächst halt stetig. Da kann man schon mal den Überblick verlieren, wenn man zur Party einlädt.
David: Du hast dort in deinem Größenwahn alle Gäste für 2021 auf die Trabrennbahn eingeladen.
Hauke: Dann weißt du ja wie die nächste Platte klingen muss, damit wir auch dort spielen werden.

Interview: Tanja Kilian